Stille Tage im Herbst

Heute ist so ein Tag, an dem ich – wenn ich nicht so eine grenzenlose Frohnatur wäre – eigentlich deprimiert wäre. Draußen ist’s grau, drinnen sind alle verschnupft und räuspern rum. Wer von draußen reinkommt, dessen Brillen beschlagen augenblicklich. Dämmrig ist es auch wie in Island im Jänner. Und keiner will sich mit mir treffen, zumindest habe ich so den Eindruck.

Früher, als ich noch auf dem Vorstands-Stockwerk meinen Schreibtisch hatte, da war ein Schwätzchen mit dem Vorstand kein Thema. Entweder am Klo oder zwischen Tür und Angel oder bei irgendwelchen Geburtstagfeiern. Wer halt gerade auch im Lande war, wir waren ja viel in den Ländern unterwegs. Oder man ging auch gemeinsam zum Mittagstisch. Alles kein Thema. Nunmehr hat sich der Vorstand nicht nur erneuert beziehungsweise selbst ein wenig verkleinert, sondern er ist auch ganz nach oben umgezogen. Dort hat man eine noch prächtigere Sicht auf die Berge, wenn man nicht gerade so wie jetzt in der Nebeldecke bzw. Wolkenuntergrenze steckt.

Auch die ehemaligen Kollegen, welche auf der Reise nach Jerusalem ihren Platz fanden, sind für Termine nur noch schwer zu haben. Teilweise, weil sie selber keine Zeit haben. Aber auch, weil sie kein Interesse mehr haben, sich mit jemandem zu treffen, den sie nicht mehr brauchen. Wenigstens sind alle höflich geblieben und ein wenig Respekt dürfte das Alter vermutlich auch noch einflößen. Oder vergangene Meriten. Ich habe mich mit einer HR-Mitarbeiterin heute auf einen Kaffee getroffen. Nicht, weil ich eine Aufmunterung gebraucht hätte. Dazu sind die Leute aus HR in der Regel nicht da.

Nein, einfach auf einen Austausch, weil sie mir aus einer sozialen / humanitären Aktivität außerhalb der Firma bekannt ist, dort waren wir einander begegnet. Wir haben uns ausgetauscht, ich habe ihr meine Situation geschildert. Wie es aussieht, will man wohl auch meine Nerven testen, was auch in Ordnung ist. Meine Nerven sind eher in Richtung Stahlseil, und da ist nichts gespannt. Demnächst muss ich mich auch wieder einer Operation an einem Kniegelenk unterziehen, darnach würde ich eigentlich gerne Muskel- und Gelenkaufbau betreiben. Also eine Rehabilitationsmaßnahme erscheint mir aufgrund der auf mich zukommenden Unpässlichkeiten unumgänglich. So werde ich das also ein erstes Mal in meinem Leben auf mich nehmen. Bislang erschien mir das immer als „Verrat“ am Arbeitgeber. Aber wie hat die Dame aus HR heute erklärt? Gesundheit geht vor. Ich könne mir ja auch einen Fuß brechen, oder schlimmeres, so wie manche der KollegInnen, welche Krebs mit mehr oder weniger Erfolg bekämpfen mussten. Ja, ich weiß, es gibt Menschen, die in einem entsprechenden Arbeitsumfeld diverse Krankheiten durchmachen mussten bzw. müssen. Wenn Arbeit krank macht… oder Nicht-Arbeit. Ist das eigentlich so etwas wie Mobbing? Oder ist es ein edler Zug des Arbeitgebers, mich nicht einfach rauszuwerfen, sondern mich sitzen zu lassen?

Der Bürostrauch neben mir beginnt einzugehen. Habe ich eine schlechte Ausstrahlung, habe ich mich neulich auch gefragt. Oder liegt es an der für Zimmerpflanzen vermutlich nicht so genialen Umgebung? Trockene Luft, sporadische Wassergüsse von ihnen wenig zugeneigten RaumpflegerInnen, keine Artgenossen in der Nähe – also ein recht mageres, pflanzliches Etwas an meiner Seite. Wenn es wenigstens mehr Laub hätte, das Bäumchen, dann könnte ich mich zwischen den Blättern verstecken. Oder die Leute könnten mir nicht direkt auf den Bildschirm blicken.

Was meinen Sie? Wie lange kann das jemand aushalten, oder was ist dazu nötig? Und ist das Mobbing oder Edelmut vom Arbeitgeber?

Starke Nerven sind gut

Ich sehe ja von meinem Büro – also Großraumbüro – aus die Berge. Das kann was, überhaupt an schönen Tagen, wenn ein klarer Tag mit trockener Herbstluft alles frei macht von Nebel, etc. Und nein, ich mache nun kein Foto, weil sonst weiß ja jeder sogleich, in welcher Stadt ich bin. Gut, es ist nicht Hamburg. Aber es kann Zürich oder Vaduz oder München oder Mailand oder Salzburg oder was auch immer sein. Oder von mir aus auch Frankfurt, aber das ist schon wieder ein wenig schwieriger, weil was bitte soll der Taunus sein? Ein Gebirge? Okay, ein Mittelgebirge, definitionsgemäß. Und nein, eigentlich ist es nicht wichtig.

Was ich aber nicht mag: wenn es draußen so schön ist, dann habe ich definitiv das Gefühl, ich versäumte etwas. Draußen scheint die Sonne, ich muss hier drinnen sitzen. Das ist schon auch so ein Psychospielchen mit meiner HR-Abteilung. Die haben mir ja neulich gesagt: „Das ist doch auch eine Belastung für Sie, oder? Sie sitzen rum und haben nichts zu tun, also das stellen wir uns ja schrecklich vor!“. Ganz mitfühlend, die Mädels. Ich war ganz gerührt. Ich hab’s ihnen auch gesagt, dass mich das berührt, wenn sie so mitfühlend sind. Fast hätten wir alle geweint. Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob sie gemerkt haben, dass ich sie verarsche, oder doch nicht. Ich habe ihnen auch gesagt, dass ich gute Nerven hätte. Weil ich sonst diverse Theater in der Vergangenheit nicht überstanden hätte.

Ich habe ihnen auch versichert, meine Konfliktbereitschaft sei erheblich durch ein Mail gesteigert worden, welches ich vom Vorstand einer unserer Konzerntöchter erhalten habe. Ich hatte mich nämlich im Frühjahr auf eine Stelle beworben, welche wie maßgeschneidert für mich gewesen wäre. Ich kannte diesen Vorstand auch, war mit ihm sogar per Du. Er suchte jemanden, der im Kreis der erweiterten Geschäftsleitung auch seine Ideen einer kritischen Betrachtung hätte unterziehen können. Nachdem ich mich mit der Materie auch extrem gut auskenne, wäre das ein Klacks für mich gewesen. Ich hatte auch mit ihm telefoniert, er forderte mich dann auf, meine Unterlagen zu übermitteln. Und dann schrieb er zurück, ich sei zu alt. Gut, er drückte sich ein wenig diplomatischer aus. Aber meine Arbeitsrechts-Expertin meinte, dass jedes Gericht erkennen würde, worauf die Formulierung hinausliefe. „…nicht in die … Altersstruktur …“ zu passen ist ja nun nicht wirklich eine versteckte Formulierung für „zu alt“.

Ich habe verdammt noch mal noch mindestens 7 Jahre zu arbeiten, und das will ich auch. Mindestens, weil selbst wenn ich das gesetzliche Rentenalter erreicht habe, werde ich noch weiterhin etwas zu tun wissen. Ich würde meine Mediationsausbildung, Sprachkenntnisse, interkulturellen Kompetenzen gerne nutzen, um mich eventuell sinnvoll bei internationalen Konflikten einzubringen. In der Friedensarbeit etwas weiter zu treiben, bei entsprechenden Organisationen anzudocken. Also nicht einfach „Ruhe geben“, nein. Ich bekomme ja jetzt schon manchmal die Panik, wie ich das alles noch schaffen möchte, was ich mir vorgenommen habe. Auf der faulen Haut bin ich nämlich bislang nicht gelegen, das werde meine Freunde bestätigen können.

Natürlich sehe ich mich in meinem Netzwerk hier intern um. Das ist – zugegebenermaßen – nicht so groß, wie ich es gerne hätte. Ich bin noch nicht so lange dabei, grad mal so an die 7 Jahre. Bei meiner Vita und meinen Erfahrungen kann ich in vielen Ecken des Konzerns theoretisch tätig werden. Ich kenne mich in vielen Bereichen aus, habe in vielen jeweils schon einige Jahre gearbeitet. Ich arbeite gerne mit Menschen. Ich kann Menschen motivieren, zu Höchstleistungen anspornen. Und einige kennen mich noch aus meinen früheren Funktionen, auch bei externen Firmen. So ganz unmöglich sollte das ja nicht sein, in einer Abteilung anzudocken.

Mein derzeitiger Vorgesetzter meinte ja in einem unheimlich höflichen und – ja, das muss ich auch so sagen: wertschätzenden – Gespräch, ich sei für sein Ressort bzw. meinen Bereich einfach überqualifiziert. Und ich möge mich doch umsehen, und auch mit der Personalabteilung reden. Vielleicht wüssten die etwas. So also schließt sich der Kreis mit den Ladies von HR. Wie gesagt: ich bin geladen und gewissermaßen gereizt. Kampfbereit. Ich zerre sie vor Gericht. Und ich hol mir noch eine Bestätigung von irgendeinem Psycho, dass ich einen seelischen Schaden erlitten habe, wenn sie mir blöd kommen. Und dann lasse ich sie Schmerzensgeld brennen. Im schlimmsten Fall veröffentliche ich meinen Namen und diesen Blog. Also, bleiben Sie dran, wenn Sie das interessiert. Vielleicht können Sie’s ja für Ihre Arbeitssituation auch brauchen…

Großraumbüros mit Kopfhörer

Seit einigen Jahren verbringe ich nun schon mein Arbeitsleben im überwiegenden Teil in diesen Heil’gen Hallen. Gut, früher bin ich wenigstens ab und zu auf Dienstreise gefahren und habe ausländische Tochterunternehmen betreut oder beraten. Da kam ich dann raus aus diesem „Gehege“.

Ich will Mozart nicht mit einem international agierenden Konzern aus der Finanzindustrie (was für eine Mißgeburt von Wort) in Konnex bringen. Das wäre wohl eine Vergewaltigung für beide Seiten. Wenn Sarastro davon singt: „In diesen Heil’gen Hallen, kennt man die Rache nicht…“, dann hat er sicher nicht an eine Zeit 226 Jahre später gedacht. Oder vermutlich überhaupt mehr komponiert als sonstwas. Das Libretto stammte ja nicht von ihm…

Es sind Hallen, nämlich. Nennt sich Großraumbüro. Erspart dem Unternehmen angeblich Kosten, weil „Office Space“ einfach billiger im Großen ist. Ich denke gerade an die vollkommen wahnsinnigen Boxen in den USA oder in Großbritannien. Ob die Menschen dort alle einen psychischen Knax haben? Muss wohl so sein.

Wissenschaftliche Studien an der ETH in Zürich haben längst schon bewiesen, dass diese Dinger kontraproduktiv sind. Würde ja alleine schon der gesunde Menschenverstand sagen. Der scheint in den obersten Etagen in der Regel vermutlich nicht mehr so wichtig zu sein beziehungsweise wird er offensichtlich durch irgendetwas anders abgelöst. Ich verstehe schon: ein wenig Testosteron und man(n) kämpft sich nach oben und hat dann ein eigenes Zimmer. Bei unserem Konzern ist das ein klitzeklein-wenig anders. Dort haben auch die Vorstände eine offene Etage. Unsere Vorstandsetage beherbergt allerdings nur 6 Vorstände mit ihren Assistentinnen. Das ist dann auch schon fast wieder wie ein eigenes Zimmer. Auch wenn’s offen ist, da sind dann Glaskojen und sonstwelche Insignien der Macht. Da scheint selbst das Glas den Schall zu schlucken.

Allerdings muss man die Stockwerke darunter auch noch sehen: auf den normalen Etagen haben 60 – 70 FTEs (1 Full Time Equivalent = idR ein Mensch, besser: 1 Produzent von Arbeitsergebnissen pro bestimmter Periode, also das könnte theoretisch auch eine Maschine sein. Nur würde man die in den Keller oder sonst wohin stellen) Platz. Es gibt zwar Besprechungsräume, aber pro Stock höchstens einen. Wer also Ruhe braucht, kann entweder Kopfhörer aufsetzen oder das Weite suchen. Wer sich Kopfhörer aufsetzt, kommuniziert natürlich nicht mehr mit der Außenwelt. So sitzen dann Dutzende Menschen im Großraumbüro, haben Kopfhörer auf und schauen in ihr elektronisches Narrenkästchen. Damit ist das lustige Argument, die Mitarbeiter würden im Großraumbüro untereinander mehr kommunizieren, vollkommen ins Absurde abgeglitten.

Wer einen legeren Vorgesetzten hat, darf bei anspruchsvolleren Tätigkeiten „home office“ anmelden. Das ist die einzige Möglichkeit, dem Hühnerstall hier zu entrinnen. Klar kann jeder hier raus, wenn er will, im Gegensatz zum Huhn. Möglicherweise haben Hühner aber nicht jenes Bewusstsein, das uns Menschen zu eigen ist. Also vielleicht geht’s denen gar nicht so schlecht, wenn sie selbst nichts anderes kennen?

„In diesen Heil’gen Hallen, wo Mensch den Menschen liebt…“ ist vermutlich nur auf Betriebsfesten ein Bonmot, sonst merke ich hier nicht viel davon. Um sich gegenseitig nicht zu zerfleischen, sind gewisse Spielregeln im Umgang miteinander gut und wichtig. Manche haben anscheinend einen Hang zum Übermut, wenn sie entweder ungewaschen / ungeduscht in die Heil’gen Hallen einziehen. Andere wiederum überschütten sich mit einem nuttigen Parfum (Sie sehen selbst: mit Liebe ist da nicht mehr viel zu machen) und muten der Umgebung ein olfaktorisches sowie ökologisches Desaster zu. Oder sie nehmen in ihrem Temperament aus anderen Kulturkreisen das halbe Stockwerk mit ihrem kommunikatorischen Expressionismus in Beschlag.

Und das sind erst die Äußerlichkeiten, also was soll ich denn nun noch an die nächsten Zeilen denken: „… kann kein Verräter lauern…“? Gruppendynamische Prozesse kennen wir mittlerweile auch zur Genüge. In unserem Unternehmen sind wir auch kulturell von höherer Diversität geprägt. Das kann ja durchaus Spaß machen, wenn das wer richtig leitet und lenkt. Ich habe in den USA vor vielen Jahren an der Pacific University einen Lehrgang zu Diversity Management mitgemacht und viel dabei gelernt. Ausgerechnet von den Amerikanern, würde ich mir denken, wäre ich nicht interkulturell auch ein wenig wissenschaftlich und praktisch vorbelastet. Wie würde ich das am elegantesten ausdrücken? Ja, man kann da durchaus auch einiges anders machen…

Was meinen Sie? Sind Großraumbüros noch immer „state of the art“, oder wird das mit dem Zeitalter der Vernetzung eher in Richtung Home-Office abwandern? Werden wir Schreibtischtäter eher zu digitalen Nomaden mutieren?

Hier noch die Zeilen aus Schikaneders Libretto mit der Arie des Sarastro. Hören Sie sich’s wieder einmal an. Es tut einfach nur gut…

SARASTRO In diesen heil’gen Hallen
Kennt man die Rache nicht,
Und ist ein Mensch gefallen,
Führt Liebe ihn zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundes Hand
Vergnügt und froh ins bess’re Land.

In diesen heil’gen Mauern,
Wo Mensch den Menschen liebt,
Kann kein Verräter lauern,
Weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreun,
Verdienet nicht, ein Mensch zu sein.

Merkwürdige HR-Chefs

Es gibt sehr nette HR-Chefs. Aber über die will ich nicht schreiben.

Es gibt aber auch seltene Kaliber. Mich wundert ja immer wieder, wie manche Menschen in welche Positionen gelangen. Jetzt reflektiere ich einmal über eine vergangene Begegnung. Der beschriebene Mensch darf anonym bleiben. Nennen wir ihn einfach mal im Folgenden „NN“, das passt. Würde ich das alles über mich lesen, dann würde es mir wahrscheinlich den Magen umdrehen. Und dann würde ich mich entweder von einem Hochhaus stürzen oder Tabletten schlucken oder was weiß ich. Selbstmord ist ja auch nicht ganz trivial, wie ich mir schon einige Male dachte.

Die Konstellation war irgendwie lustig. Erst wollte ich – damals war ich eigentlich gerade dabei, mich selbständig zu machen – Unternehmen beraten. Dann war da dieses Unternehmen, welches meinen Rat wirklich gut hätte brauchen können. Das wussten die, und ich auch, und irgendwie wollten die das aus einem einfachen Grund nicht: meine Dienstleistung wäre unter das Vergaberecht gefallen. Das hätten die dann ausschreiben müssen. Das ist idR mit Aufwand und Zirkus verbunden.

Also boten sie mir an: Geschäftsführung einer Inhouse-GmbH. Der Holding-Aufsichtsrat musste mich bestätigen, weil die GmbH eine Holding-Tochter war. Na gut, also wurde ich dort Geschäftsführer. Ein teuflisches Portefeuille hatte ich dort. Eigentlich konnte ich allen Vorständen und Geschäftsführern des Konzerns ordentlich auf die Nerven gehen. Das war wohl bei einigen so, die etwas auf dem Kerbholz hatten. Davon gab’s reichlich, wie ich immer wieder feststellen musste. Aber grundsätzlich war ich immer noch Dienstleister, halt im Namen der Holding. Und der NN war mein Co-Geschäftsführer, anfänglich.

Bis ich neben der gewerberechtlichen auch die kaufmännische Geschäftsführung erhielt. Dann war er nicht mehr Co-. Nur noch Gesellschafter-Vertreter, was auch schon genug für mich war. Als solcher konnte er mir zwar Weisungen erteilen, aber das war in der Regel deshalb nicht der Fall, weil er sich in meinem Metier einfach nicht auskannte. Ein paar Mal ließ ich ihn auch gehörig auflaufen, weniger absichtlich als halt der Sachlage geschuldet. Das ließ ihn rasend zurück. Er war ja ein eher kleineres Exemplar, und wie das halt so mit Bonsai-Napoleons so ist, überkompensieren diese Typen meist irgendetwas. Oft ist auch dieses Scheiß-Testosteron im Spiel.

Wer zu ihm ins Büro kam, musste dortselbst erst einmal eine gefühlte halbe Meile zurücklegen, bis man vor seinem Schreibtisch stand. Sich ohne Aufforderung hinzusetzen kam ja aus Höflichkeitsgründen nicht wirklich in Frage. NN ließ gerne warten. Tat so, als hätte er unüberwindbare Stapel an Arbeit zu bewältigen. Blickte nicht wirklich auf. Die meisten seiner Bereichsleiter schwitzten auf dem Weg zu seinem Schreibtisch schon ihr Hemd nass. Ich allein schon deshalb nicht, weil er – um mich rauszuwerfen – schon in den Holding-Aufsichtstrat hätte gehen müssen, um mich loszuwerden. Ein Fehler, wie er einmal (nicht mir gegenüber) zugegeben hatte. Und weil ich sauber und wirklich gut arbeitete, konnte er nie was gegen mich sagen. Außer, dass ich ihm unsympathisch war, weil ich nicht unterm Teppich angekrochen kam. Das ging einfach nicht. Aber in der Regel kam er wenigstens rasch auf den Punkt:

„Mir ist zu Ohren gekommen, Sie würden sich mit unserem Vergaberechts-Anwalt anlegen?“
„War das eine Frage oder wissen Sie das?“
„Werden Sie nicht frech!“
Ich schwieg.
„Äußern Sie sich bitte!“
„Hab ich doch gerade.“
Schweigen auf beiden Seiten. Ich kann das. Mir ist ja wenig zu blöd. Ich kann auch lange schweigen, schauen.

Sichtlich verärgert also ein:
„Wenn Sie unseren Vergaberechts-Anwalt vergraulen, ist das schwierig. Der weiß zu viel über uns, wir brauchen den und überhaupt: Was bilden Sie sich ein!“

„Ich bilde mir gar nichts ein. Ich weiß, wie unsere Materie und das Vergaberecht zu einander passen. Nämlich so gut wie nicht. Der Herr Anwalt wäre gut beraten, sich mit mir zusammen- und nicht auseinanderzusetzen. Der Berater, den der Herr Anwalt da seinerseits hat, ist sein Geld nicht für einen Cent wert. Da kann er zehnmal auf der Uni in seinem Spezialfach unterrichten. Dem könnte ich noch etwas beibringen, und zwar die gelebte Praxis. Wenn sich wer in dieser Materie auskennt, bin ich das. Und zwar auch auf der internationalen Ebene, also gerade dort. Und die brauchen wir in diesem Zusammenhang.“
„Sie sind überheblich! Passen Sie bloß auf!“
„Ja. Sonst noch etwas?“

Mein Gegenüber lief im Gesicht rötlich an. Seinen Blutdruck wollte ich gerade nicht haben.

„Am liebsten würde ich Sie auf der Stelle rausschmeißen!“
„Ich kann Sie ja verstehen“, meinte ich und schmunzelte. Ich wusste, das konnte er auf den Tod nicht leiden, „aber an meiner Arbeit ist nichts auszusetzen. Im Übrigen habe ich das Wohl der SteuerzahlerInnen im Auge. In staatsnahen Betrieben sollten wir immer überlegen, wer denn das Geld aufbringen muss, das wir hier ausgeben.“

Sein rechtes Augenlid begann, wie immer, wenn er sich aufregte, recht heftig zu zucken. Dann wurde seine Sprache meist ein wenig holprig. Seine eher eindimensionale Aus- und Bildung bereitete ihm dann hörbare Sprach-Bodenschwellen. Wer unbelastet zuhörte, konnte das zuweilen recht putzig finden, was die Eskalationsstufe in der Regel dann noch ein wenig überhöhte. Nachdem der gute NN dann allerdings zu so einem Zornpinkel wurde, war das dann eher der Moment, in welchem ein Rückzug angeraten schien.

„Wenn Sie sonst nichts mehr von mir haben wollen, darf ich mich verabschieden. Schönen Abend noch, Her NN“, lächelte ich und entschied mich für würdige Schritte hin zur Kilometerweit entfernten Tür.

So recht wusste ich nie, ob er mir nicht irgendwas hinterhergeworfen hätte, wäre ich langsamer gegangen…

Das war also NN, der als HR-Chef in dem Konzern einigen Leuten schon Nervenzusammenbrücke bereitet hatte.

Von dem Menschen werden wir weiter hören. Wer’s spannend findet, möge dies auch kundtun…

„Die Reise nach Jerusalem“ – spielerischer Ansatz für Change Management?

Grad neulich hat mir eine pensionierte Beamtin aus dem Wissenschaftsministerium das Stichwort zur Selbstbestimmung geliefert. Ich bin ein „weißer Elefant“. Einer der zu viel verdient, dem sie keine Arbeit mehr geben, der im Büro sitzt und nicht weiß, wie er die Zeit totschlagen soll. Dem sie einfach keine Arbeit mehr geben wollen. Obwohl ich genug Erfahrung hätte. Wissen eh auch, klar. Führungskompetenz.

Aber die Firma strukturierte so lange um, bis sich wie in der Reise nach Jerusalem kein Platz mehr für mich fand. Dabei habe ich selber dazu beigetragen, dass Strukturen vermittels Change Management verändert wurden. Ich habe Einsparvorschläge gemacht. Einige davon wurden umgesetzt, andere erschienen (unternehmens-)politisch zu heikel.

Eine Erkenntnis, fundamental, dämmerte mir nach einigen Jahren erst: Alles ist Testosteron-getrieben. Echt jetzt. Und das ist nun mein Blog, in welchem ich in regelmäßigen Abständen von meinen Erlebnissen erzählen werde. Was sich so im Leben eines 58-jährigen tut, der in einem international agierenden Konzern sitzt, gut verdient und der sich nicht mehr einbringen kann.

Es gibt Leute, die brennen bei so etwas aus. Manche fangen an zu Saufen. Habe ich auch schon gemacht, hilft nur nichts. Außerdem hat mir irgendwann eine Ärztin gesagt, was ich eh schon spürte: das ist zu viel Alkohol, den Sie da in sich reinkippen, Ihre Leberwerte sind eine Katastrophe. Na gut, dachte ich mir, dann eben nicht mehr. Tut mir eh nicht gut, die Figur geht aus dem Leim, das geht in meinem Alter nimmer mehr so einfach wieder weg. Dann wäre ich auch noch eitel, also das geht auf die Dauer tatsächlich nicht.

Ich glaub, ich werde immer wieder mal Rückblenden machen. Schließlich sind einige der jetzigen Erlebnisse mit Erfahrungen aus der Vergangenheit oft in einem recht eigenen Licht zu sehen.

An wen sich der Blog richtet?

Ich denke an alle diejenigen, welche von ihrer Firma gerade abgebaut werden. Einmal, damit sie wissen, sie sind nicht allein, weil oft fühlt sich das so an. Und natürlich weiß jeder, dem es so ergeht, dass er nicht allein ist, aber die Kuriositäten, denen man so im Laufe der Zeit die Stirn bieten muss, sind in der Mehrzahl schon absonderlich. Da fühlt man sich alleine gelassen.

Auch an jene, die glauben, an ihrer Arbeitsplatz-Situation verzweifeln zu müssen: Nur Mut! Erstens passiert nichts von einem Tag auf den anderen. Zweitens – was für ein Allgemeinplatz – nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und Drittens: wo eine Tür zugeht, geht eigentlich fast immer eine andere auf. An dieser Stelle wird es ein wenig heikel. Schließlich ist es im Moment einer Kündigungsaussprache nicht so, dass sofort eine Tür aufgeht. Und manchmal gehen gar merkwürdige Türen auf, die sind dann eher so etwas wie eine blöde Katzen-Klappe, verglichen mit der Tür, durch welche man vorher schritt. Da sitzt man dann – am Boden – und macht sich Gedanken, was man denn nun aus dieser Situation so lernen sollte, und sieht es nicht, schon gar nicht im Augenblick. Ja, schon, später geht manchem das Licht auf: Aha, DAFÜR war das gut! Manchmal versteht man’s aber auch nach Jahren noch nicht. Aber das liegt dann meist wo anders.

Aus nachvollziehbaren Gründen wird dieser Blog anonym bleiben. Also ich werde nicht meinen Namen bekanntgeben. Auch nicht wo ich angestellt bin. Aber zögern Sie nicht, sich selber auch einzubringen. Ein Dialog macht immer Spaß. Seien Sie nett zu mir, ich werd’s auch zu Ihnen sein. Wer sich der Mühe unterzieht, diese Zeilen zu lesen, wird auch in der Regel kein Misanthrop sein und folglich wenn, dann gefällige Kommentare schreiben. Sie müssen nicht meiner Meinung sein, aber wenn Sie anderer Meinung sind: seien Sie gnädig. Wenn Sie einen Job wissen, der für mich geeignet wäre: lassen Sie’s mich wissen.

Auch an jene, welche in einer HR-Abteilung sitzen. Ja, früher war das die Personal-Abteilung. Heute nennt man das „Human Resources“. Ein Euphemismus, wenn ich an meine Situation denke. Aber die Leute dort sollen wissen, was in den Menschen vorgeht, die sie da in Nöte versetzen. Manche sind ja von Natur aus ganz nett. Aber wessen Job es ist, Kollegen freizustellen, abzufinden, rundheraus zu kündigen oder sonstwie abzubauen, der braucht vermutlich einen guten Magen. Ja, kein Gewissen oder Gefühlskälte /-armut hilft sicherlich auch. Klar, nicht alle sind so. Aber ich werde auch von einem grandiosen Kaliber der Unmenschlichkeit erzählen, der ehemalige Mitarbeiter in Krankheit und Selbstmord getrieben hat. Ohne Namensnennung versteht sich von selbst. Kenner der Szene könnten vielleicht eine Ahnung bekommen, wer das sein könnte, aber selbst wenn jemand draufkommt, würde ich darauf verweisen müssen: nette Geschichte. Vielleicht werde ich das eine oder andere literarisch ausschmücken müssen, weil sonst die Geschichte nicht so viel hermacht. Mit dem einen oder anderen Kunstgriff. Sie mögen mir dies verzeihen, weil es dient für mich der Lesbarkeit und wie ich so darüber sinniere: ja, klar, also das Ganze muss, um rechtlich einwandfrei zu sein, unter dem Titel: Geschichten, die das Leben oder der Alltag oder wer und was auch immer schreibt, laufen. Mit dem Hinweis: alles, was da so zu lesen ist, kann sich genauso zugetragen haben. Oder auch nicht.

Die/der P.T. LeserIn mag sich über das Eine oder Andere wundern. Wo Sie glauben, eine Flunkerei zu entdecken: zögern Sie nicht, mich aufzudecken! Aber im Dialog würden Sie sich wundern, was sich nicht dennoch in der Realität genauso zugetragen hat. Dazu sind die Kommentare schließlich auch da: tauschen Sie sich aus, zögern Sie nicht, auch Ihr Selbsterlebtes mitzuteilen. Das macht die Sache bunter. Ich werde auch manche Geschichten, die anderen zugestoßen sind, mit einflechten. Dennoch: es ist MEIN BLOG.

Schließlich an jene ManagerInnen, welche mit ihren Entscheidungen über die Geschicke und Geschichte ihrer MitarbeiterInnen entscheiden. Sie sollen ruhig lesen, was in den Menschen so vorgeht. Sollen sich mal Gedanken machen. Sie dürfen auch ruhig ein wenig schlechter schlafen, kein Problem. Schließlich schlafen die Menschen, welche freigestellt werden, auch schlecht.

 

Was sich an InvestorInnen auf diese Seite verirrt, wird vermutlich das sein, was das Verbum vorhin schon ausdrückte: ein Irrtum. Schließlich sind Investoren in der Regel auf der Suche nach Profit und nicht nach Moral oder Nachsinnen über die Wirren des Lebens. Oder über die Auswirkungen eines Systems. Da sind wir vielleicht auch bei des Pudels Kern: es geht ja immer um den Profit, um das MEHR, um Wachstum. In einem vollkommen irren System, das sich selbst ad absurdum führt. Eines, welches sich den Ast absägt, auf dem es sitzt. Ich bin kein absoluter Kapitalismus-Kritiker, aber dieses System ist aus den Fugen geraten. Vollkommen. Und nein, ich bin kein Kommunist und kein Sozialist oder was auch immer. Schon gar kein Neo-Liberaler. Ich bin ein Humanist, und will auch einer bleiben. Auf der Suche nach Profit und Rendite und immer noch mehr Rendite und noch mehr Profit werden in der Regel sogenannte FTEs (Full Time Equivalents = „Vollzeit-Äquivalente“) abgebaut. So lange, bis entweder keiner mehr da ist, oder nur noch Junge, die nicht wissen, wie der Laden läuft. Oder – wie ich es auch schon erlebt habe – wo Altgediente abgebaut werden, welche Land und Leute kennen und mit Leichtigkeit in ihrem Netzwerk Geschäfte anleiern können. Die sind zwar etwas teurer als Junge, aber sie kennen eben alle Geschäftspartner und bringen mit Leichtigkeit Geschäfte heran. Und schon geraten manche Unternehmen in eine Schieflage und werden schlussendlich dann auch verkauft. Alles schon erlebt. Ich werde darüber auch berichten, keine Bange. Sind Lehrstücke aus der Change-Management-Küche, wie man es halt nicht machen sollte. Oder vielleicht doch, falls jemand den Auftrag erhält, ein Unternehmen verkaufsreif zu schießen: hier gäb’s auch Anleitungen dazu.

Vielleicht auch an jene, welche Sinn für Humor und Spannung und Kurioses haben. Die einem gerüttelt Maß an Irrationalität nicht abgeneigt sind und dies in ihren Alltag zu integrieren wissen, sei’s als Erfahrung anderer, oder als Bestätigung, dass sie eben auch nicht alleine sind. Zögern Sie nicht, auch Ihre Erfahrungen zu teilen. Je mehr wir werden, welche der Öffentlichkeit den Sinn und Unsinn des Tuns mancher Manager aufzeigen, umso eher werden die Menschen sich Gewahr, dass sie Opfer von Testosteron-gesteuerten Machos sind…