Stille Tage im Herbst

Heute ist so ein Tag, an dem ich – wenn ich nicht so eine grenzenlose Frohnatur wäre – eigentlich deprimiert wäre. Draußen ist’s grau, drinnen sind alle verschnupft und räuspern rum. Wer von draußen reinkommt, dessen Brillen beschlagen augenblicklich. Dämmrig ist es auch wie in Island im Jänner. Und keiner will sich mit mir treffen, zumindest habe ich so den Eindruck.

Früher, als ich noch auf dem Vorstands-Stockwerk meinen Schreibtisch hatte, da war ein Schwätzchen mit dem Vorstand kein Thema. Entweder am Klo oder zwischen Tür und Angel oder bei irgendwelchen Geburtstagfeiern. Wer halt gerade auch im Lande war, wir waren ja viel in den Ländern unterwegs. Oder man ging auch gemeinsam zum Mittagstisch. Alles kein Thema. Nunmehr hat sich der Vorstand nicht nur erneuert beziehungsweise selbst ein wenig verkleinert, sondern er ist auch ganz nach oben umgezogen. Dort hat man eine noch prächtigere Sicht auf die Berge, wenn man nicht gerade so wie jetzt in der Nebeldecke bzw. Wolkenuntergrenze steckt.

Auch die ehemaligen Kollegen, welche auf der Reise nach Jerusalem ihren Platz fanden, sind für Termine nur noch schwer zu haben. Teilweise, weil sie selber keine Zeit haben. Aber auch, weil sie kein Interesse mehr haben, sich mit jemandem zu treffen, den sie nicht mehr brauchen. Wenigstens sind alle höflich geblieben und ein wenig Respekt dürfte das Alter vermutlich auch noch einflößen. Oder vergangene Meriten. Ich habe mich mit einer HR-Mitarbeiterin heute auf einen Kaffee getroffen. Nicht, weil ich eine Aufmunterung gebraucht hätte. Dazu sind die Leute aus HR in der Regel nicht da.

Nein, einfach auf einen Austausch, weil sie mir aus einer sozialen / humanitären Aktivität außerhalb der Firma bekannt ist, dort waren wir einander begegnet. Wir haben uns ausgetauscht, ich habe ihr meine Situation geschildert. Wie es aussieht, will man wohl auch meine Nerven testen, was auch in Ordnung ist. Meine Nerven sind eher in Richtung Stahlseil, und da ist nichts gespannt. Demnächst muss ich mich auch wieder einer Operation an einem Kniegelenk unterziehen, darnach würde ich eigentlich gerne Muskel- und Gelenkaufbau betreiben. Also eine Rehabilitationsmaßnahme erscheint mir aufgrund der auf mich zukommenden Unpässlichkeiten unumgänglich. So werde ich das also ein erstes Mal in meinem Leben auf mich nehmen. Bislang erschien mir das immer als „Verrat“ am Arbeitgeber. Aber wie hat die Dame aus HR heute erklärt? Gesundheit geht vor. Ich könne mir ja auch einen Fuß brechen, oder schlimmeres, so wie manche der KollegInnen, welche Krebs mit mehr oder weniger Erfolg bekämpfen mussten. Ja, ich weiß, es gibt Menschen, die in einem entsprechenden Arbeitsumfeld diverse Krankheiten durchmachen mussten bzw. müssen. Wenn Arbeit krank macht… oder Nicht-Arbeit. Ist das eigentlich so etwas wie Mobbing? Oder ist es ein edler Zug des Arbeitgebers, mich nicht einfach rauszuwerfen, sondern mich sitzen zu lassen?

Der Bürostrauch neben mir beginnt einzugehen. Habe ich eine schlechte Ausstrahlung, habe ich mich neulich auch gefragt. Oder liegt es an der für Zimmerpflanzen vermutlich nicht so genialen Umgebung? Trockene Luft, sporadische Wassergüsse von ihnen wenig zugeneigten RaumpflegerInnen, keine Artgenossen in der Nähe – also ein recht mageres, pflanzliches Etwas an meiner Seite. Wenn es wenigstens mehr Laub hätte, das Bäumchen, dann könnte ich mich zwischen den Blättern verstecken. Oder die Leute könnten mir nicht direkt auf den Bildschirm blicken.

Was meinen Sie? Wie lange kann das jemand aushalten, oder was ist dazu nötig? Und ist das Mobbing oder Edelmut vom Arbeitgeber?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s