Großraumbüros mit Kopfhörer

Seit einigen Jahren verbringe ich nun schon mein Arbeitsleben im überwiegenden Teil in diesen Heil’gen Hallen. Gut, früher bin ich wenigstens ab und zu auf Dienstreise gefahren und habe ausländische Tochterunternehmen betreut oder beraten. Da kam ich dann raus aus diesem „Gehege“.

Ich will Mozart nicht mit einem international agierenden Konzern aus der Finanzindustrie (was für eine Mißgeburt von Wort) in Konnex bringen. Das wäre wohl eine Vergewaltigung für beide Seiten. Wenn Sarastro davon singt: „In diesen Heil’gen Hallen, kennt man die Rache nicht…“, dann hat er sicher nicht an eine Zeit 226 Jahre später gedacht. Oder vermutlich überhaupt mehr komponiert als sonstwas. Das Libretto stammte ja nicht von ihm…

Es sind Hallen, nämlich. Nennt sich Großraumbüro. Erspart dem Unternehmen angeblich Kosten, weil „Office Space“ einfach billiger im Großen ist. Ich denke gerade an die vollkommen wahnsinnigen Boxen in den USA oder in Großbritannien. Ob die Menschen dort alle einen psychischen Knax haben? Muss wohl so sein.

Wissenschaftliche Studien an der ETH in Zürich haben längst schon bewiesen, dass diese Dinger kontraproduktiv sind. Würde ja alleine schon der gesunde Menschenverstand sagen. Der scheint in den obersten Etagen in der Regel vermutlich nicht mehr so wichtig zu sein beziehungsweise wird er offensichtlich durch irgendetwas anders abgelöst. Ich verstehe schon: ein wenig Testosteron und man(n) kämpft sich nach oben und hat dann ein eigenes Zimmer. Bei unserem Konzern ist das ein klitzeklein-wenig anders. Dort haben auch die Vorstände eine offene Etage. Unsere Vorstandsetage beherbergt allerdings nur 6 Vorstände mit ihren Assistentinnen. Das ist dann auch schon fast wieder wie ein eigenes Zimmer. Auch wenn’s offen ist, da sind dann Glaskojen und sonstwelche Insignien der Macht. Da scheint selbst das Glas den Schall zu schlucken.

Allerdings muss man die Stockwerke darunter auch noch sehen: auf den normalen Etagen haben 60 – 70 FTEs (1 Full Time Equivalent = idR ein Mensch, besser: 1 Produzent von Arbeitsergebnissen pro bestimmter Periode, also das könnte theoretisch auch eine Maschine sein. Nur würde man die in den Keller oder sonst wohin stellen) Platz. Es gibt zwar Besprechungsräume, aber pro Stock höchstens einen. Wer also Ruhe braucht, kann entweder Kopfhörer aufsetzen oder das Weite suchen. Wer sich Kopfhörer aufsetzt, kommuniziert natürlich nicht mehr mit der Außenwelt. So sitzen dann Dutzende Menschen im Großraumbüro, haben Kopfhörer auf und schauen in ihr elektronisches Narrenkästchen. Damit ist das lustige Argument, die Mitarbeiter würden im Großraumbüro untereinander mehr kommunizieren, vollkommen ins Absurde abgeglitten.

Wer einen legeren Vorgesetzten hat, darf bei anspruchsvolleren Tätigkeiten „home office“ anmelden. Das ist die einzige Möglichkeit, dem Hühnerstall hier zu entrinnen. Klar kann jeder hier raus, wenn er will, im Gegensatz zum Huhn. Möglicherweise haben Hühner aber nicht jenes Bewusstsein, das uns Menschen zu eigen ist. Also vielleicht geht’s denen gar nicht so schlecht, wenn sie selbst nichts anderes kennen?

„In diesen Heil’gen Hallen, wo Mensch den Menschen liebt…“ ist vermutlich nur auf Betriebsfesten ein Bonmot, sonst merke ich hier nicht viel davon. Um sich gegenseitig nicht zu zerfleischen, sind gewisse Spielregeln im Umgang miteinander gut und wichtig. Manche haben anscheinend einen Hang zum Übermut, wenn sie entweder ungewaschen / ungeduscht in die Heil’gen Hallen einziehen. Andere wiederum überschütten sich mit einem nuttigen Parfum (Sie sehen selbst: mit Liebe ist da nicht mehr viel zu machen) und muten der Umgebung ein olfaktorisches sowie ökologisches Desaster zu. Oder sie nehmen in ihrem Temperament aus anderen Kulturkreisen das halbe Stockwerk mit ihrem kommunikatorischen Expressionismus in Beschlag.

Und das sind erst die Äußerlichkeiten, also was soll ich denn nun noch an die nächsten Zeilen denken: „… kann kein Verräter lauern…“? Gruppendynamische Prozesse kennen wir mittlerweile auch zur Genüge. In unserem Unternehmen sind wir auch kulturell von höherer Diversität geprägt. Das kann ja durchaus Spaß machen, wenn das wer richtig leitet und lenkt. Ich habe in den USA vor vielen Jahren an der Pacific University einen Lehrgang zu Diversity Management mitgemacht und viel dabei gelernt. Ausgerechnet von den Amerikanern, würde ich mir denken, wäre ich nicht interkulturell auch ein wenig wissenschaftlich und praktisch vorbelastet. Wie würde ich das am elegantesten ausdrücken? Ja, man kann da durchaus auch einiges anders machen…

Was meinen Sie? Sind Großraumbüros noch immer „state of the art“, oder wird das mit dem Zeitalter der Vernetzung eher in Richtung Home-Office abwandern? Werden wir Schreibtischtäter eher zu digitalen Nomaden mutieren?

Hier noch die Zeilen aus Schikaneders Libretto mit der Arie des Sarastro. Hören Sie sich’s wieder einmal an. Es tut einfach nur gut…

SARASTRO In diesen heil’gen Hallen
Kennt man die Rache nicht,
Und ist ein Mensch gefallen,
Führt Liebe ihn zur Pflicht.
Dann wandelt er an Freundes Hand
Vergnügt und froh ins bess’re Land.

In diesen heil’gen Mauern,
Wo Mensch den Menschen liebt,
Kann kein Verräter lauern,
Weil man dem Feind vergibt.
Wen solche Lehren nicht erfreun,
Verdienet nicht, ein Mensch zu sein.

Advertisements

1 Kommentar zu „Großraumbüros mit Kopfhörer“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s