Merkwürdige HR-Chefs

Es gibt sehr nette HR-Chefs. Aber über die will ich nicht schreiben.

Es gibt aber auch seltene Kaliber. Mich wundert ja immer wieder, wie manche Menschen in welche Positionen gelangen. Jetzt reflektiere ich einmal über eine vergangene Begegnung. Der beschriebene Mensch darf anonym bleiben. Nennen wir ihn einfach mal im Folgenden „NN“, das passt. Würde ich das alles über mich lesen, dann würde es mir wahrscheinlich den Magen umdrehen. Und dann würde ich mich entweder von einem Hochhaus stürzen oder Tabletten schlucken oder was weiß ich. Selbstmord ist ja auch nicht ganz trivial, wie ich mir schon einige Male dachte.

Die Konstellation war irgendwie lustig. Erst wollte ich – damals war ich eigentlich gerade dabei, mich selbständig zu machen – Unternehmen beraten. Dann war da dieses Unternehmen, welches meinen Rat wirklich gut hätte brauchen können. Das wussten die, und ich auch, und irgendwie wollten die das aus einem einfachen Grund nicht: meine Dienstleistung wäre unter das Vergaberecht gefallen. Das hätten die dann ausschreiben müssen. Das ist idR mit Aufwand und Zirkus verbunden.

Also boten sie mir an: Geschäftsführung einer Inhouse-GmbH. Der Holding-Aufsichtsrat musste mich bestätigen, weil die GmbH eine Holding-Tochter war. Na gut, also wurde ich dort Geschäftsführer. Ein teuflisches Portefeuille hatte ich dort. Eigentlich konnte ich allen Vorständen und Geschäftsführern des Konzerns ordentlich auf die Nerven gehen. Das war wohl bei einigen so, die etwas auf dem Kerbholz hatten. Davon gab’s reichlich, wie ich immer wieder feststellen musste. Aber grundsätzlich war ich immer noch Dienstleister, halt im Namen der Holding. Und der NN war mein Co-Geschäftsführer, anfänglich.

Bis ich neben der gewerberechtlichen auch die kaufmännische Geschäftsführung erhielt. Dann war er nicht mehr Co-. Nur noch Gesellschafter-Vertreter, was auch schon genug für mich war. Als solcher konnte er mir zwar Weisungen erteilen, aber das war in der Regel deshalb nicht der Fall, weil er sich in meinem Metier einfach nicht auskannte. Ein paar Mal ließ ich ihn auch gehörig auflaufen, weniger absichtlich als halt der Sachlage geschuldet. Das ließ ihn rasend zurück. Er war ja ein eher kleineres Exemplar, und wie das halt so mit Bonsai-Napoleons so ist, überkompensieren diese Typen meist irgendetwas. Oft ist auch dieses Scheiß-Testosteron im Spiel.

Wer zu ihm ins Büro kam, musste dortselbst erst einmal eine gefühlte halbe Meile zurücklegen, bis man vor seinem Schreibtisch stand. Sich ohne Aufforderung hinzusetzen kam ja aus Höflichkeitsgründen nicht wirklich in Frage. NN ließ gerne warten. Tat so, als hätte er unüberwindbare Stapel an Arbeit zu bewältigen. Blickte nicht wirklich auf. Die meisten seiner Bereichsleiter schwitzten auf dem Weg zu seinem Schreibtisch schon ihr Hemd nass. Ich allein schon deshalb nicht, weil er – um mich rauszuwerfen – schon in den Holding-Aufsichtstrat hätte gehen müssen, um mich loszuwerden. Ein Fehler, wie er einmal (nicht mir gegenüber) zugegeben hatte. Und weil ich sauber und wirklich gut arbeitete, konnte er nie was gegen mich sagen. Außer, dass ich ihm unsympathisch war, weil ich nicht unterm Teppich angekrochen kam. Das ging einfach nicht. Aber in der Regel kam er wenigstens rasch auf den Punkt:

„Mir ist zu Ohren gekommen, Sie würden sich mit unserem Vergaberechts-Anwalt anlegen?“
„War das eine Frage oder wissen Sie das?“
„Werden Sie nicht frech!“
Ich schwieg.
„Äußern Sie sich bitte!“
„Hab ich doch gerade.“
Schweigen auf beiden Seiten. Ich kann das. Mir ist ja wenig zu blöd. Ich kann auch lange schweigen, schauen.

Sichtlich verärgert also ein:
„Wenn Sie unseren Vergaberechts-Anwalt vergraulen, ist das schwierig. Der weiß zu viel über uns, wir brauchen den und überhaupt: Was bilden Sie sich ein!“

„Ich bilde mir gar nichts ein. Ich weiß, wie unsere Materie und das Vergaberecht zu einander passen. Nämlich so gut wie nicht. Der Herr Anwalt wäre gut beraten, sich mit mir zusammen- und nicht auseinanderzusetzen. Der Berater, den der Herr Anwalt da seinerseits hat, ist sein Geld nicht für einen Cent wert. Da kann er zehnmal auf der Uni in seinem Spezialfach unterrichten. Dem könnte ich noch etwas beibringen, und zwar die gelebte Praxis. Wenn sich wer in dieser Materie auskennt, bin ich das. Und zwar auch auf der internationalen Ebene, also gerade dort. Und die brauchen wir in diesem Zusammenhang.“
„Sie sind überheblich! Passen Sie bloß auf!“
„Ja. Sonst noch etwas?“

Mein Gegenüber lief im Gesicht rötlich an. Seinen Blutdruck wollte ich gerade nicht haben.

„Am liebsten würde ich Sie auf der Stelle rausschmeißen!“
„Ich kann Sie ja verstehen“, meinte ich und schmunzelte. Ich wusste, das konnte er auf den Tod nicht leiden, „aber an meiner Arbeit ist nichts auszusetzen. Im Übrigen habe ich das Wohl der SteuerzahlerInnen im Auge. In staatsnahen Betrieben sollten wir immer überlegen, wer denn das Geld aufbringen muss, das wir hier ausgeben.“

Sein rechtes Augenlid begann, wie immer, wenn er sich aufregte, recht heftig zu zucken. Dann wurde seine Sprache meist ein wenig holprig. Seine eher eindimensionale Aus- und Bildung bereitete ihm dann hörbare Sprach-Bodenschwellen. Wer unbelastet zuhörte, konnte das zuweilen recht putzig finden, was die Eskalationsstufe in der Regel dann noch ein wenig überhöhte. Nachdem der gute NN dann allerdings zu so einem Zornpinkel wurde, war das dann eher der Moment, in welchem ein Rückzug angeraten schien.

„Wenn Sie sonst nichts mehr von mir haben wollen, darf ich mich verabschieden. Schönen Abend noch, Her NN“, lächelte ich und entschied mich für würdige Schritte hin zur Kilometerweit entfernten Tür.

So recht wusste ich nie, ob er mir nicht irgendwas hinterhergeworfen hätte, wäre ich langsamer gegangen…

Das war also NN, der als HR-Chef in dem Konzern einigen Leuten schon Nervenzusammenbrücke bereitet hatte.

Von dem Menschen werden wir weiter hören. Wer’s spannend findet, möge dies auch kundtun…

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